Was man vom Fußball kennt und im Schwimmen lernt


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Die gerade aufgestiegenen Frauen der SG Mittelfranken steigen wieder ab, arbeiten aber an ihrer Bundesliga-Reife

VON HANS BÖLLER

Aufsteigen in die Bundesliga ist das eine. Drinbleiben ist noch schwieriger. Man kennt das in Franken nur zu gut. Vom Fußball. Im Schwimmen ist es derzeit ganz ähnlich. Stabile Bundesliga-Reife sollen die Frauen der SG Mittelfranken noch entwickeln. Jetzt erst einmal wieder in der zweiten Liga.

NÜRNBERG – Ein klassischer Mannschaftssport ist das Schwimmen nicht, in der Spitze braucht es eher eine gesunde Portion Egoismus. Nur einmal im Jahr ist das anders, man darf Teamgeist leben, in der Branche sind die Deutschen Mannschaftsmeisterschaften deshalb beliebt. Und ein Indiz dafür, was sich gerade so bewegt in den Vereinen, ist dieser stimmungsvolle, wenngleich für interessierte Laien immer etwas undurchsichtige Wettkampf auch. Jedenfalls eigentlich.
Das Bild kann aber ziemlich schief geraten. Wer im Team des traditionsreichen SV Würzburg 05 am Bundesliga-Wochenende in Essen bekannte Gesichter suchte, tat das vergebens. Die Unterfranken hatten Athleten aus den USA, Ungarn, der Slowakei und Israel verpflichtet, eigens für diesen Wettkampf – den Würzburgs Männer damit, zum dritten Mal nach 1972 und 2009, gewannen; für die Frauen reichte es trotzdem nur zu Platz fünf.

 

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„Ein Abstieg ist immer traurig“

Das Reglement lässt derlei Transfers zu, man hat es jetzt nicht zum ersten Mal gesehen, aber der Idee des Wettbewerbs steht dieses Gebaren eher entgegen. Die Konkurrenz sah es zwar verwundert, aber gelassen, bei der SG Mittelfranken – dem neuen Zusammenschluss aus dem Turnerbund Erlangen, dem 1. FC Nürnberg, dem TSV Altenfurt und dem TSV Katzwang – orientierte man sich ohnehin in die andere Richtung. Nach unten. Das Bild war am Ende stimmig, die Frauen des Aufsteigers mit Stammsitz in Erlangen steigen wieder ab – worüber „sich natürlich keiner freut“, wie Cheftrainer Roland Böller bilanzierte: „Ein Abstieg ist immer traurig, aber damit musste man rechnen.“ Der Papierform nach war die neue Startgemeinschaft, als Zweitliga-Zweiter aufgestiegen, auf Rang zwölf unter den zwölf besten deutschen Teams gestartet, Platz zehn hätte es gebraucht zum Verbleib in der Bundesliga.IMG_6627
Es wurde Platz elf, die SG Berlin-Neukölln – deren bekannteste Athletin einmal Franziska van Almsick war – lag am Ende knapp vor den Mittelfränkinnen, mit denen der TSV Hohenbrunn-Riemerling in die zweite Liga zurückkehrt. „Natürlich haben wir gerechnet, insgeheim hofft man immer“, sagt Trainer Böller, „aber wir wussten, dass bei der Konkurrenz etwas schiefgehen muss, wenn es reichen soll.“ Das wünscht man natürlich keinem, so kam es nicht, und ganz oben blieben Überraschungen ebenfalls aus; Gastgeber SG Essen feierte bei den Frauen, diesmal knapp vor der SG Saar Max Ritter, erneut die Deutsche Meisterschaft – zum achten Mal hintereinander.
„Eine Mannschaft zwischen den Ligen“ nennt Roland Böller die aktuelle fränkische Generation, es gelte, „Stabilität auf höchstem Niveau erst noch zu entwickeln“; Vergleiche mit der Vergangenheit, „diese alten Geschichten“, hält der Trainer dabei für wenig sinnstiftend, wenngleich man sie natürlich immer unwillkürlich zieht. Denn mit dem Mannschaftswettbewerb begann einst der Erlanger Schwimmsport erst richtig, vor bald einem halben Jahrhundert waren es einige auffällig talentierte Schülerinnen des Städtischen Marie-Therese-Gymnasiums, für die der Turnerbund 1888 eine Schwimmabteilung eigens aus der Taufe hob. Das damals sogenannte Erlanger Fräuleinwunder schwamm in der Bundesliga einmal bis auf Rang drei vor.
Schlagzeilen machten später die großen fränkischen Individualistinnen, die es bis in die Weltspitze schafften – Hannah Stockbauer, Daniela Götz, Teresa Rohmann –, aber welche Qualität darüber in der Breite herangewachsen war, sah man fernab der großen Bühne in der Bundesliga. Fünf Mal in diesem Jahrhundert standen die Frauen der SSG 81 Erlangen unter den besten drei Teams der Bundesliga, vor acht Jahren fehlten nach einem langen Wettkampfwochenende nur ein paar kleine Sekunden zum ersten deutschen Mannschaftsmeistertitel der Vereinsgeschichte.

Viel und harte Arbeit

Teamgeist und Mannschaftsdynamik zeichnete jetzt auch die neue SG Mittelfranken aus, vom Rest ist man noch ein Stück entfernt, die jungen Frauen wollen aber ihre eigene Geschichte schreiben. Auffällig talentiert sind einige von ihnen, und dazu ermuntert hat der neuerliche, wenn auch kurze Ausflug unter die besten Teams der Republik allemal. „Individuell gut bis sehr gut“ fand Böller die Leistungen in Essen, heraus kam „ein sehr ordentliches Mannschaftsergebnis“ – und die Erkenntnis, „dass wir für das, was fehlt, weiterhin viel arbeiten müssen“, wie der Trainer sagt; mittelfristig ist die feste Zugehörigkeit zum Oberhaus das Ziel.
Wie schwer das ist, weiß man seit ebenfalls bald einem halben Jahrhundert insbesondere beim 1. FC Nürnberg – allerdings wegen einer ganz anderen Sportart.